Wie ich zum Schreiben zurückgefunden habe

Christina Stegen - Autorin & Poesiepädagogin

Christina Stegen

Autorin & Poesiepädagogin

Christina Stegen - Autorin & Poesiepädagogin

Christina Stegen

Autorin & Poesiepädagogin

Notizbuch und Stift auf dem Tisch zum Schreiben

Als ich das Schreiben aus den Augen verlor

Es gab lange Abschnitte in meinem Leben, in denen ich kaum geschrieben habe. Der Wunsch war zwar da, schließlich hatte ich in Berlin am Institut für Kreatives Schreiben eine Ausbildung zur Poesiepädagogin – Anleiterin für kreative Schreibgruppen absolviert. Ich habe viel gelernt, viel verstanden und viel geübt, aber ich habe es nicht für mich genutzt. Ich konnte Schreiben vermitteln, aber es hat mir nicht geholfen, zum eigenen Schreiben zurückzufinden.

In den Folgejahren leitete ich auch immer wieder Schreibwerkstätten, aber ich hatte auch dadurch nicht den Dreh gefunden, das Schreiben nur für mich in meinem Alltag zu integrieren. Ich wusste, dass Schreiben zu mir gehört, doch ich habe mich nicht darum gekümmert. In meinem Kopf ja, aber eben nicht aktiv, schreibend eben. Andere Dinge hatten Vorrang, und das Schreiben ist dabei immer weiter nach hinten gerutscht. Je größer der Abstand zwischen mir und meinem Schreiben wurde, desto weniger wusste ich, wie ein Anfang aussehen könnte.

Dabei hatte Sprache für mich immer eine besondere Rolle. Ich glaubte auch an die positiven Effekte, die regelmäßig Schreiben für einen haben können. In den Büchern über Kreatives Schreiben (und davon hatte ich viele) las ich darüber und konnte vieles nachvollziehen – aber eben nicht für mich umsetzen. Ich habe es schlicht gelassen. Und wenn man etwas lange genug lässt, verliert man die Gewohnheit und den Zugang.

Erschwerend kam hinzu, dass ich den Anspruch hatte, etwas Richtiges schreiben zu müssen. Wenn ich schon anfange, dann soll es sinnvoll sein, gut sein, ein Buch werden. Dieser Gedanke hat mich blockiert. Ich habe mich selbst daran gehindert, überhaupt anzufangen, weil ich nie das Gefühl hatte, dass ich das leisten kann, was ich mir vorstellte. Und so blieb das Schreiben über Jahre hinweg aufgeschoben.

Heute denke ich, dass die Ausbildung zur Poesiepädagogin ein Baustein war, der erst später Bedeutung bekommen sollte. Dass Dinge manchmal auf Umwegen wirken, ohne dass man es sofort merkt. Und auch, dass für einiges im Leben erst später Platz ist.

Was meinen Wiedereinstieg möglich gemacht hat

Letztlich hat mein Wiedereinstieg in das Schreiben doch mit einem Buch angefangen. Es war der NaNoWriMo 2021, in den ich ohne Erwartungen eingestiegen war, einfach nur zum Ausprobieren. Ich wollte wissen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, über einen längeren Zeitraum hinweg an einem Text zu arbeiten. Ich habe gemerkt, dass ich das Schreiben nicht verlernt hatte. Was gefehlt hatte, war nicht die Fähigkeit, sondern die Verbindlichkeit. Die Entscheidung, dranzubleiben. Die Gemeinschaft während des NaNoWriMo hat mir dafür einen Rahmen gegeben. Ich wusste, ich war eine von ganz vielen, die überall auf der Welt nun schreiben würde. Es hatte mich gepackt und ich war wie im Rausch.

Ich hatte den Faden für eine Geschichte wieder aufgenommen, die ich während einer von mir geleiteten Schreibwerkstatt begonnen hatte. Der Text ähnelte vielen anderen: Aufgrund eines Schreibimpuls – in diesem Fall eine Auswahl von Bildern, zu denen wir etwas schreiben wollten – war ein kurzer Text von nicht einmal 450 Wörtern entstanden. Doch in diesem einen Fall hatte mich das von mir geschriebene weiterhin verfolgt und in mir war der Wunsch entstanden, aus dieser Skizze etwas Größeres zu entwickeln. Auch heute noch, Jahre später, bin ich erstaunt darüber, dass ich ES einfach so getan habe: Schreiben – ohne Anlass, ohne Aufgabe, ohne die Leiterin einer Gruppe sein, deren Sinn und Zweck es war, sich zum Schreiben zu treffen.

Zum ersten Mal nach vielen Jahren habe ich wieder gespürt, wie sich ein Text entwickelt, wenn ich regelmäßige Zeit investiere. Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus und ich entwickelte ein Setting, entwarf Figuren und dachte mir Dialoge aus, von denen ich überzeugt war, dass die Menschen genauso so vor 150 Jahren gesprochen haben. Ja, es sollte ein historischer Roman werden und über diese Herausforderung bin ich dann auch etwas später gestolpert, doch dazu später mehr. Zunächst hatte mir diese tägliche Routine gezeigt, dass es möglich war, das Schreiben in meine Alltag zu integrieren. Auf dem Sofa, mit Kopfhörer, abgeschirmt vom Rest des Lebens, das um mich herum weiter stattfand. In meiner Welt befand ich mich in einem Handelskontor in Bremen um 1860 und ich war im Begriff, auf einem Auswanderschiff nach Amerika zu fliehen.

Wie sich mein Schreiben Schritt für Schritt verändert hat

Doch die Euphorie hielt nicht lang. Die Idee, einen historischen Roman zu schreiben, war zu komplex gewesen. Auch für jemanden, wie mich, die sich Poesiepädagogin nennt. Ich ließ es also bleiben: sowohl das Schreiben an meinem historischen Roman als auch das Schreiben generell. Monate vergingen, Jahre sogar, in denen ich nicht schrieb. Später – die nächsten NaNoWriMOs, an dem ich aber diesmal nicht teilgenommen hatte, zogen an mir vorbei – fiel mir im Weihnachtsurlaub 2023mein alter Text in die Hände. Ich begann zu lesen und konnte gar nicht mehr aufhören. Das hatte ich geschrieben? In mir reifte die Erkenntnis, dass die vielen Wörtern nicht umsonst geschrieben sein sollten. Wieder setzte ich mich dran und diesmal ließ ich nicht locker. Zu sehr hatte mich die Geschichte gepackt.

Unterstützend kam hinzu, dass ich am 1. Januar 2024 dem Online-Schreibcamp der leider im gleichen Jahr verstorbenen Autorin Julia K. Stein beigetreten war. Ich startete nun jeden Morgen mit den „Early Birds“ in den Tag, genauer gesagt: um 6 Uhr. Nie hätte ich geglaubt, dass ich zu dieser frühen Stunde fähig sein sollte, Wörter in meinen Laptop zu hacken. Doch, wie oft im Leben, war da ein falsches Mindset am Werk gewesen, denn es funktionierte sehr gut.: Das Aufstehen, das Frischmachen im Badezimmer, das Setzen an den Laptop am Esstisch, das Schreiben. Dieses Frühschreibformat war mein persönlicher Gamechanger gewesen, mein Schlüssel, um das Schreiben fest im Alltag zu verankern. Mit diesen Schritten habe ich gelernt, mir wieder Zeit zu nehmen und so zum Schreiben zurückzufinden.

Ich hatte es einfach getan, ich hatte ES begonnen: mein Leben als Autorin. Die Verbindlichkeit der Gruppe hat mir geholfen, auch das Wissen, sich nicht als einzige aus dem Bette gequält zu haben. Die Tatsache, dass andere zur gleichen Zeit schreiben, hat mich in einer Weise unterstützt, die ich nicht für möglich gehalten hatte.

Von dort aus haben sich weitere Schritte ergeben. Das Schreibcamp löste sich auf bzw. wechselte die Plattform und wir blieben uns – in lockerer Gemeinschaft – auf Discord verbunden. Etwas später öffnete sich eine weitere Tür: Yvonne Kraus, Buchcoach und Autorin, gründete den Write-Your-Book-Club. Ab diesem Zeitpunkt nahm mein Schreiben richtig rasant an Fahrt auf. Ich setzte mich nun nicht nur morgens an meinen Laptop, sondern noch zusätzlich an einigen Abenden und am Wochenende. Ich kaufte mir einen kleinen Schreibtisch, um ungestörter im Schlafzimmer schreiben zu können. Im WYBC wurde uns die Möglichkeit geboten, an Anthologien mitzuschreiben und so kann ich heute -Ende 2025 – mit Stolz sagen: drei meiner Kurzgeschichten und zwei Sachtexte sind in diesem Jahr in vier Anthologien veröffentlicht worden.

Was mich zurückgebracht hat

Heute gehört Schreiben zu meinem Alltag. Es ist zu einem festen Bestandteil dessen geworden, was mich ausmacht. Ich brauche keine idealen Bedingungen. Es reicht, dass ich beginne. Dass ich mir einen Rahmen gebe, der möglich ist. Und dass ich weiß, dass ein Text aus vielen kleinen Schritten entsteht, die ich jeden Morgen von neuem gehe.

Für mich war es kein plötzlicher Wendepunkt, sondern ein langsamer Prozess, zum Schreiben zurückzufinden. Durch die besagten kleine Schritte, durch Verbindlichkeiten dem Write-Your-Book-Club und seinen Mitgliedern gegenüber, durch Routinen, die mir Halt geben. Durch die Entscheidung, wieder anzufangen. Dieser Weg passt zu mir. Und er geht weiter.

 

Weitere Beiträge sind auf der Blogseite zu finden.

Beitragsbild: Foto von Nick Morrison auf Unsplash

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